Ich wollte noch etwas zum Gesundheitssystem in Kanada erzählen: Als erstes muss man sich einen Hausarzt suchen, den man nicht bekommt, weil es zu wenige gibt und die Praxen grundsätzlich keine neuen Patient*innen aufnehmen. Also kann man sich auf eine Warteliste setzen lassen, was natürlich nicht automatisch passiert. Ist man krank, muss man in eine „Urgent Care“-Klinik gehen. Manche Leute warten hier sechs, sieben Jahre auf eine*n Hausärzt*in.

Also dachten wir, wir hätten Glück, als wir nach circa zwei Jahren einen in der Nähe zugewiesen bekamen. Zunächst wurden wir von diesem Arzt zu einem „Meet & Greet“ eingeladen, was eine etwas fragwürdige Bezeichnung für einen Arzttermin ist, aber vielleicht sagt das ja auch schon einiges aus. Bei diesem Termin kontrollierte er Blutdruck, Gewicht und den Hals (Schilddrüse). Außerdem sagte er, man müsse einmal pro Jahr persönlich vorbeikommen, sonst würde man ihn als Hausarzt verlieren. Wohlgemerkt: auch wenn man nicht krank ist!

Dazu ordnete er Blut- und Urintests an. Da die Ärzt*innen über keine eigenen Labore verfügen bzw. die Untersuchungen nicht organisieren, muss man entweder in ein Krankenhaus, um die Test durchführen zu lassen oder zu einer Kette. Von Life Labs hatte ich schon gehört, sie hat bei den Covid-Cautious-Leuten einen extrem schlechten Ruf. Aber da sie die meisten Filialen haben, machte ich dort einen Termin aus. Ich dachte, es sei wenigstens eine kanadische Kette, aber nein, natürlich wurde sie mittlerweile von einem US-amerikanischen Unternehmen aufgekauft. Ich habe erfahren, dass in dem Labor, zu dem ich ging, pro Tag 300 Patient*innen durchgedroschen werden.

Digitalisierung à la Kanada funktioniert übrigens so, dass man muss sich für die Arztpraxis einen Account im Internet anlegen muss. Dieser wird von der Telekommunikationsfirma Telus betrieben (und ja, natürlich hat es bereits Vorfälle mit Datenleaks gegeben). In dem Account hinterlegt der Arzt das Rezept mit den erforderlichen Tests, welches man zuhause ausdrucken und damit zum Labor gehen muss. Arbeit erfolgreich auf die Patient*innen ausgelagert.

Bei Life Labs vor Ort war ich wenig begeistert, dass das Labor praktisch aus einem einzigen Raum besteht: Anmeldung, Warteraum und vieles andere in einem einzigen Zimmer. Also muss man auch seine sämtlichen Daten laut durch die Gegend am Empfang brüllen; zusätzlich zu all den Menschen läuft nämlich das Radio. In Kanada sind sie so seltsam paranoid, dass sie wohl annehmen, man würde jemand anderen zu diesen Terminen schicken. Folglich wird trotz – ja, richtig geraten – eigenem Life-Labs-Account, den man ebenfalls vorher im Internet erstellen muss und vorgezeigter Gesundheitskarte, erneut Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer abgefragt.

Nach kurzem Warten wurde dann mein Name und „Number 2“ aufgerufen, worauf ich das Zimmer mit der Nummer zwei suchte, das es aber nicht gab. Und stellte fest, dass die montierten Stühle, die da rumstanden, numeriert waren und man das Blut vor allen anderen Leuten abgenommen bekommt. Null Privatsphäre.

Diese Massenabfertigung führt natürlich auch zu „lustigen“ Verwechselungen von Menschen und Blutproben sowie Herunterfallen von Kanülen. Ich war „nur“ dreimal da und das alles kam vor. Wohlgemerkt: Ich hatte keine Beschwerden, lediglich der Arzt war der Ansicht, dass ich diese Tests machen musste. Ich musste dann auch noch zu einem Nierenultraschall in einer anderen Praxis, bei dem natürlich nichts herauskam. Warum sollte etwas mit meinen Nieren nicht stimmen?

Ein paar Monate später wollte ich einen Termin bei einer Gynäkologin haben, deshalb schilderte ich dem Hausarzt einige Symptome. Unter anderem wollte ich meine Hormone untersuchen lassen, was der Arzt erst gar nicht einsah. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich irgendwie ernst nahm, bis er plötzlich eine Vielfalt von Symptomen erwähnte – ich habe im Nachhinein bemerkt, dass er wortwörtlich von der Website der kanadischen Regierung abgelesen hat, die er dann wohl gefunden hatte.

Diese Inkompetenz ist wirklich beeindruckend. Ich meine, lesen kann ich auch – darf ich dann hier Ärztin sein? Auf jeden Fall verschrieb er mir Off Label ein Medikament. Dabei erwähnte er weder, dass das ein Medikament gegen hohen Blutdruck ist, noch stellte er mir irgendwelche Fragen. Ein anderes Medikament, das zur Hormonersatztherapie verwendet wird, sollte ich ebenfalls nehmen. Das hatte so starke Nebenwirkungen, dass ich es gleich wieder absetzte.

Wie gesagt, er erklärte mir überhaupt nichts zu den Medikamenten – ich suchte mir immer die deutschen Beipackzettel aus dem Internet heraus. Ich finde diese Vorgehensweise etwas fahrlässig und werde erneut versuchen, eine Überweisung zu einer Gynäkologin zu bekommen. Mittlerweile habe ich nachgelesen, dass man ohne Hausärzt*in zu einer Urgent Care-Klinik gehen kann, um sie dort zu bekommen. Vorher werde ich natürlich der Einfachheit halber versuchen, die Überweisung von ihm zu bekommen. Warum auch immer er das bis jetzt abblockt.

Alles in allem halte ich das kanadische Gesundheitssystem für sehr schlecht. Einerseits muss man mit diesem zugeteilten „Doktor“ herumdiskutieren, anstatt dass er sich darum kümmert, ob oder was man wirklich (etwas) hat und andererseits wird das Geld für ständige Tests hinausgeschmissen, die gar nicht notwendig wären (ich soll im Oktober wieder die gleichen Tests machen, die er bereits beim ersten Mal anordnete). Ich habe auch von einem Arzt gehört, der zusammen mit den Patient*innen nach den Symptomen im Internet sucht (!) und dann mit ihnen berät, welche Krankheit das sein könnte. Ich weiß, dass das Gesundheitssystem in Deutschland auch immer schlechter wird, aber das ist kein Vergleich zu Kanada und wir sollten in Deutschland wirklich aufpassen, dass diese Zustände nicht kopiert werden.

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